Herausforderungen meistern

Risikomanagement

Die Herausforderungen liegen in dem noch nie dagewesenen Umfang und der Geschwindigkeit, mit der sich die Risiken entwickeln. Eine Historie dazu fehlt, vergleichbare Ereignisse gab es bisher nicht.

Die Modellierung ist die Basis für das Management der Risiken wie auch der Chancen der Transition. 

Aus diesem Grund ist die Modellierung der Transition entscheidend, wobei die Wahl des Schätzers der Transition der Schlüsselaspekt ist. Damit ist die Modellwahl und die Modellimplementierung der zentrale Aspekt für den Erfolg der Prognosen und das Risiko. Aus diesem Grund wenden wir den Goldstandard im Modellrisikomanagement, die regulatorischen Vorgaben aus dem Finanzsektor an.

Die Besonderheit der Transition liegt in den neuen, in den sich entwickelnden Risiken. Es gilt, ein Risikomanagement für etwas unbekanntes aufzubauen. Die BIS hat bereits im Januar 20201 darauf hingewiesen. Sie ruft zu erkenntnistheoretisch neuen Ansätzen auf, sowohl zum Management der Transitionsrisiken als auch zum Financial Risk Management. In ersterem haben sich die bisherigen Modelle als grundsätzlich unzureichend erwiesen und die Financial Risk Management Modelle sind traditionell Backward Looking. Sie können die sich entwickelnden Risiken nicht erkennen. 

1 Bank for International Settlement: The green swan, Jan. 2020, https://www.bis.org/publ/othp31.htm

Unterschätzte Disruption

Risikomanagement am Limit

Erfolgreiche Technologietransitionen zeigen, dass die Disruption grundsätzlich unterschätzt2 wird, und darin liegt das grösste Risiko. Dabei wären die Transitionsrisiken gut zu managen, wenn der beste Schätzer für Technologietransitionen, die Empirie zurückliegender Transitionen, konsequent genutzt würde. 

Einer der Gründe für die Unterschätzung von Technologietransitinoen liegt ihrer exponentiellen Entwicklung und unserer Präferenz, die Entwicklungen als linear einzuschätzen. Ein weiterer liegt im Zusammenspiel von gleich vier sich parallel und exponentiell entwickelnden Technologietransitionen, der EE, der Batterietechnologie, der E-Mobilität und der Wärmeerzeugung. 

Sich entwickelnden Risiken kann mit den etablierten Risikomanagementansätzen kaum begegnet werden. Die Methoden sie müssen neu gedacht und konzipiert werden. Der generische Risk Management Cycle lässt sich noch übertragen aber schon bei der Risikoidentifikation und der Risikoanalyse trägt das bisherige Vorgehen nicht mehr.

2 Kodak, Nokia, RIM – Blackberry, etc. etc.

Risiko Identifikation

Das Ausmass der Risiken ist im Wesentlichen nicht bekannt, es entwickelt sich, es baut sich auf. Geschwindigkeit und Umfang sind unbekannt. Um das Risiko einzuschätzen die Kenntnis des Wahrscheinlichen Verlaufs der Transition unabdingbar. Ohne Modellierung ist das nicht zu erreichen. 

Damit kommt der Modellauswahl entscheidende Bedeutung zu, ein falsches Modell verleitet schnell zu falschen Entscheidungen, zu Entscheidungen die teuer oder gar existenzgefährdend sein können. Die Modellauswahl allein reicht nicht, das Modell muss adäquat genutzt werden. Selten waren Modelle so entscheidend, liefern sie doch die Grundlage für extrem weitreichende Entscheidungen. Die mit der Modellauswahl und -nutzung einhergehenden Modellrisken müssen gesteuert werden. 

Es gibt zwar Modelle für die Transition, auch viele Expertenschätzungen, aber nahezu alle erwiesen sich nach kurzer Zeit als nicht tragfähig. Die Transition schreitet grundsätzlich schneller voran, als grundsätzlich prognostiziert. Integrated Assessment Models und Expertenschätzungen zählen zu den bekanntesten Modellen. Allerdings erreichen diese Modelle keine zufriedenstellende Zuverlässigkeit3, ebenso wenig wie Expertenschätzungen. Experten sind sehr gut in Fachkenntnissen, die künftige Entwicklung schätzen können sie jedoch kaum. 

Wie bereits unter Modellierung erwähnt, hat sich die Empirie vergangener erfolgreicher Technologietransitionen als hervorragender Schätzer herausgestellt. Die empirisch basierten Modelle können eine herausragende Basis für die Risikoidentifikation sein, sofern sie adäquat konzipiert und eingesetzt sind. Die Güte der Modelle einzuschätzen und zu überwachen ist eine Herausforderung, das Modellrisikomanagement bekommt überragende Bedeutung.  

Unsere Modellierung zeigt die wahrscheinliche Entwicklung auf. Das empirisch bestätigte und in der Modellierung genutzte Wright’s Law weist die ökonomischen Vorteile der Transition aus. Weltweit werden die Kosten der Transition mit hoher Wahrscheinlichkeit erheblich unter den Kosten für die weitere Nutzung der fossilen Energien liegen. Exakt dieses wird die Transition weiter vorantreiben, sind die EE aus neuen Grossanlagen doch bereits heute die günstigste Energiequelle. Die Vorboten der Transition zeigen sich auch an anderer Stelle, die erhebliche Divestments in fossilen Energien sind nur ein Indikator von vielen. 

3 Modellzuverlässigkeit: Expertenmodelle: Jing Meng, Rupert Way, Elena Verdolini, and Laura Diaz Anadon. Comparing expert elicitation and model-based probabilistic technology cost forecasts for the energy transition. Proceedings of the National Academy of Sciences, 118(27), 2021. ISSN 0027- 8424. doi: 10.1073/pnas.1917165118. https://www.inet.ox.ac.uk/publications/comparing-expert-elicitation-and-model-based-probabilistic-technology-cost-forecasts-for-the-energy-transition

IAMs: Marc Jaxa-Rozen and Evelina Trutnevyte. Sources of uncertainty in long-term global scenarios of solar photovoltaic technology. Nature Climate Change, 11(3):266–273, Mar 2021. ISSN 1758-6798. doi: 10.1038/s41558-021-00998-8. URL https://doi.org/10. 1038/s41558-021-00998-8.

&

C. Wilson, A. Grubler, N. Bauer, V. Krey, and K. Riahi. Future capacity growth of energy technologies: are scenarios consistent with historical evidence? Climatic Change, 118(2): 381–395, May 2013. ISSN 1573-1480. doi: 10.1007/s10584-012-0618-y. URL https: //doi.org/10.1007/s10584-012-0618-y.

Die Risikomanagementaspekte im Einzelnen

Risikoidentifikation

Eines der grössten Risiken ist das Modellrisiko

Die vorstehenden Ausführungen zeigen die herausgehobene Bedeutung des Modellrisikos auf. Die Verwendung eines inadäquaten Modells birgt Risiken, die nicht nur Unternehmen gefährden, weil sie sich nicht rechtzeitig auf den Wandel vorbereiten. Inadäquate Modelle werden mit hoher Wahrscheinlichkeit ganze Ökonomien gefährden. Bemerkenswerterweise haben einige Ölförderstaaten die schnelle Energietransition schon erkannt. 

Zum Management der Modellrisiken gibt es erprobte bankenregulatorische entsprechende Standards, der führende ist das SR 11-7: Guidance on Model Risk Management. Die Umsetzung dieser Standards erfordern umfassende Erfahrung und sollten nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Bereits der Aufbau einer entsprechenden Modellierungs-Historie von mehreren Jahren ist nicht ohne Herausforderungen. Es sind umfangreiche Recherchen zu den benötigten Zeitreihen, zur Qualität der verfügbaren Schätzer durchzuführen. Es ist eine ausreichende Historie der Modellierung aufzubauen, um diese zu validieren. In Kreditrisikomodellen wird eine Historie von 5 Jahren verlangt. Wir sehen das auch bei Klimamodellen als notwendig an. Bei der Validierung sind auch die Abweichungen von dem modellierten Trend, die Volatilität um den Trend herum zu erklären, z.B. Corona. Herausfordernder wird es, wenn das Zusammenspiel der vier Technologietransitionen zu berücksichtigen gilt. 

Parallel zur reinen Modellierung müssen andere Aspekte analysiert werden: Wo treten mögliche Engpässe auf, wie können diese überwunden werden? Wo sind die politischen Risiken? Wie gross kann die Gegenwehr des fossilen Sektors sein? Anschliessend gilt es, eine entsprechende Historie aufzubauen. Dabei stellt sich die Frage, ob die Zeit dazu noch ausreicht oder ob der mögliche Fire-Sale fossiler Assets früher einsetzen könnte. 

Die weitergehende Risikoidentifikation benötigt eine gute Modellierung der Transition der einzelnen Technologien, wie Batterien, Ablösung der fossilen Verstromung, etc. Ohne eine Erwartung der Entwicklung, zum Wachstum der EE, der Batterieproduktion und der E-Mobilität und der Wärmeproduktion lässt sich das Risiko nicht einschätzen. Gute Modelle sind, trotz des damit verbundenen Modellrisikos, unverzichtbar. 

Szenarien

Szenarien sind ein probates Mittel in der Risikoanalyse sich entwickelnder Risiken. Modellbasiert sind sie neutral und vorurteilsfrei. Die nachfolgenden Grafiken zeigen den erwarteten Verlauf der Transition (links) und den Verlauf, wenn die Wachstumsraten der EE unmittelbar um 1/3 zurückgehen.  

Szenarien: Links – empirisch basiert, rechts – Auswirkungen eines sofortiger Rückgangs der Wachstumsrate in EE auf 2/3 des empirischen Wachstums

In diesem sehr scharfen und unwahrscheinlichen Rückgang der Wachstumsraten wird sich die Transition verzögern, allerdings nicht wesentlich. Dazu wären noch schärfere Einbrüche in der Transition notwendig. 

Die eingehendere Risikoanalyse erfordert entsprechende ökonomischen Kenntnisse. Bei welchem Entwicklungsgrad einer Technologie stellt sich der Markt auf die Disruption ein, wann nimmt das Risiko eines Fire Sale deutlich zu? 

Sektoren die von der Technologietransition betroffen sein werden sind beispielsweise: 

  • Automotive (E-Mobilität)

  • Wohnungssektor 

  • Fossile und Nukleare-Kraftwerke

  • Düngemittel und Kunststoffindustrie

  • Langstreckentransport (Flug- und Schiffsverkehr)

  • Energieintensive Industrien (Standortfragen)

  • Financial Sektor – AM, WM, PKs, IB (Engagements in den betroffenen Sektoren, Spill-over Effekte)

  • Etc.

Der technologische Wandel und der ungebrochene Trend zu höherer Energieeffizienz werden diese Sektoren und weitere Sektoren erheblich beeinflussen. In der Folge werden sich die Gewichte ganzer Ökonomien, ganzer Regionen verschieben. 

Die eigene Überzeugung 

Eins der grössten Risiken ist die eigene Überzeugung, gewachsen auf validen Argumenten, aktualisiert auf der Basis aktueller Pressemeldungen. Leider hat die Presse vielfach den Anschluss verloren, so dass die Aktualisierung der eigenen Informationen nicht mit der realen Entwicklung mithalten kann. Die Zeit, populärwissenschaftliche Fachartikel zu lesen, wer hat die noch. In Zeiten wie die der letzten Jahre, Corona, Russlands Angriffskrieg, Trump als Präsident, fehlt ehrlicherweise die Möglichkeit dazu. 

Daneben gibt es zu allem Überfluss auch noch nahezu unwiderlegbare Argumente wie das Folgende:  Die fossile Energiewirtschaft verfügt über so tiefe Taschen, dass die sie Transition jederzeit unterlaufen kann. Sie können die Ölpreise so weit absenken, dass die Energietransition zum Erliegen kommt. Einer Analyse hält dieses Argument nicht stand, die Ölökonomien haben sich an den Lebensstandard gewöhnt, das Geld wird so schnell ausgegeben, wie es eingenommen wird. Gegenwehr können diese Ökonomien nicht dauerhaft leisten. 

Wir können hier nicht auf alle Argumente eingehen, aber keins der uns bekannten Argumente, die den ungebremsten Fortgang der Transition in Zweifel ziehen, hält einer sorgfältigen Analyse stand. 

Risikoanalyse

Die Risikoanalyse ist ebenso komplex als die Risikoidentifikation. Selbst wenn die schnelle Transition und damit die Disruption als wahrscheinlich identifiziert wird, so ist das Ausmass für die betroffenen Sektoren nicht intuitiv zugänglich, es erfordert weitreichende Analysen. 

Um die Risiken adäquat einzuordnen sind insbesondere die Grösse des weltweiten Energiemarktes, die damit einhergehenden ökonomischen Zwänge, die Beharrungskräfte wichtige Kriterien. Der deutsche Automotive Sektor erfährt gerade, was es heisst, den Wandel nicht schnell genug erkannt zu haben. 

In der schnellen Transition sind die Disruption und der Fire-Sale in fossilen Assets unvermeidlich. Der Zeitpunkt des Einsetzens ist allerdings kaum verlässlich Prognostizierbar. Aber es gibt Tipping Points. 

Das Peak-Oil, erwartet in 2025/2026, ist sicherlich ein Moment, der die Märkte aufhorchen und vielleicht sogar kippen lässt. Sollte dieses von einer stark wachsenden E-Mobilität begleitet werden, ist eine Nervosität an den Energie-Märkten zu erwarten, zumal der Markt in fossilen Energien schon vom globalen Aktienmarkt abgehängt wurde. 

Sektorspezifische Aspekte dürfen ebenfalls nicht vernachlässigt werden. Als Beispiel sind die energieintensiven Industrien genannt. Lohnt das Verlagern von Produktionsstandorten in sonnenreiche Regionen oder können entsprechende Gegenmassnahmen von den einzelnen/ Zusammenschlüssen von Unternehmen auch in Zentraleuropa ergriffen werden? Welche Fördermassnahmen sollte die Politik zu Standortsicherung ergreifen? 

Für die Politik gelten weitere Aspekte. Was sind die Risiken einer zu frühen, zu hohen politischen Unterstützung und was die einer zu Zögerlichen? Wie können die Herausforderungen der Industrie und der Bevölkerung vermittelt werden, wenn es keinen kommunizierten Transitionspfad gibt? Woher soll die Bereitschaft für Investitionen stammen, auch wenn der ROI kurz ist. Die Risiken wachsen mit der Unsicherheit der Bevölkerung über den Transitionspfad.

Die beiden Schritte Risikoidentifikation Risikoanalyse sind die zentralen Herausforderungen im Risikomanagement. Ohne diese sind die weiteren Schritte nicht durchführbar. Die Frage, ob und inwieweit sie sie ökonomisch leistbar sind, ist damit noch nicht beantwortet.

Betrachten Sie das Risikomanagement zur Energietransition bitte nicht mit der Motivation der ECB zum Thema «2022 climate risk stress test»: «a joint learning exercise with pioneering characteristics.» Für eine joint learning exercise with pioneering characteristics ist es längst zu spät, das ist viel zu gefährlich.